Die Strandfischer

Claudia Pautz
22.02.2018

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Als Kind ging ich oft am Vormittag mit meiner Großmutter zu den Fischern runter. Runter, das bedeutete, ein paar Schritte die Straße hinunter und über die Promenade. Die  windschiefe Kate von Fischer Nagel stand direkt am Strandaufgang. Er und seine Frau saßen oft davor in der Sonne und pulten Fische aus ihren Netzen. Und während ich fasziniert den gekonnten Handgriffen zuschaute, lies meine Großmutter ihren Blick über den bereits befreiten Fang in einem großen hölzernen Trog schweifen. Es sollte Flundern zum Mittag geben. Gebraten. Gern auch ein paar mehr, damit sie den Rest sauer einlegen konnte.

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, griff den glitschig feuchten Rand des Troges und schaute hinein. Unzählige Fische lagen dort. Ihre Schuppen glänzten in der Sonne. Großmutter griff beherzt hinein und streckte mir eine Flunder entgegen. “Und, weißt du noch, woran du frischen Fisch erkennst?” fragte sie mich mit ihrem warmen Großmutterlächeln. “Ja, wenn die Kiemen richtig rot sind, Oma.” Langsam schob ich meinen Zeigefinger unter eine Kieme und hob sie an. “Er ist frisch.” sagte ich lachend und wandte mich wieder der Fischersfrau zu, die gerade begonnen hatte, Netze zu flicken. Mit gleitenden Bewegungen schob sie ihr kleines Werkzeug durch die Maschen und verschloss so nach und nach die großen Löcher, die der Fisch, das Meer und der Mensch in den Netzen hinterlassen hatten. Großmutter hatte einige Flundern ausgesucht, die Fischer Nagel in Zeitungspapier einwickelte und ihr in das Einkaufsnetz tat. Dann machte sie sich auf den Heimweg. Gemächlich, die Straße wieder hinauf. Nur ein paar Sekunden und ich hatte sie eingeholt. Stolz griff ich nach dem Netz in ihrer Hand und trug ihr die Flundern nach Hause, wo sie die letzten Male erst auf dem Küchentisch und später in der Pfanne zuckten.