Lebensbäume im Wandel der Zeiten

Lebensbäume im Wandel der Zeiten

„Dein Lebensbaum ist die Buche“ steht auf einer kleinen Schachtel geschrieben. Ich muss lächeln, denn natürlich ist sie das. Hier auf dieser Insel gibt es keinen anderen Baum so oft wie sie. Sie gehört hierher wie der Sand und das Meer. Ihr Klang ist das Rauschen der Küstenwälder, der sich an Wintertagen in gespenstisches Heulen verwandeln kann. Und dann wieder spendet ihr blättriges Dach bewegungslos Schatten in sommerlicher Hitze. Sie ist ein Meister der Verwandlung, zeigt dem Frühling ihr zartgrünes Gesicht, bevor der Sommer sie vor Kraft strotzen lässt und der Herbst ihr die Röte in die Blätter treibt. Bald einhundert Mal haben viele Buchen hier dieses Wachsen und Vergehen durchlebt. Sie kennen die Insel zu Kaisers Zeiten, unter Hitlers Diktatur und in den Jahren im Sozialismus. Sie haben mit angesehen, wie die Seebäder nach der Wende zu neuem alten Glanz fanden, und viel zu oft mussten sie weichen, damit noch mehr Sommerfrischler auf dem Eiland Platz fanden. Wenn…

Der kleine Wal

Der kleine Wal

Auf meinem Schreibtisch steht ein kleiner Wal. Er ist aus Keramik und mit einer wunderbaren blauen Glasur überzogen. Freundlich streckt er den Schwanz nach oben. Seine Augen blicken golden und winzig im Vergleich zu seinem mächtigen Körper zu beiden Seiten. In seinem Inneren versteckt sich ein Magnet, denn eigentlich ist mein Wal ein Büroklammernhalter. Nur ein einziges Mal hat er eine Büroklammer gehalten, dann habe ich ihn von ihr befreit. Wale sollten keine Büroklammern tragen.

Willkommen in der Heinrich-Heine-Straße

Willkommen in der Heinrich-Heine-Straße

In dieser Straße bin ich aufgewachsen. In dem Haus hier rechts. Auf den Balkon mit dem schmiedeeisernen Geländer in der 1. Etage saß meine Großmutter oft und beobachtete die Feriengäste, die bepackt mit Luftmatratzen und Kühlboxen auf dem Weg zum Strand waren. Neben ihr stand ein Vogelbauer, in dem Hansi sein Lied in die Welt hinaus trillerte. Die Straße selbst glich eher einem Holperweg und wo jetzt gepflasterte Bürgersteige sind, war damals nur Sand. Das Schönste aber war der kurze Weg zum Strand.

Die Strandfischer

Die Strandfischer

Als Kind ging ich oft am Vormittag mit meiner Großmutter zu den Fischern runter. Runter, das bedeutete, ein paar Schritte die Straße hinunter und über die Promenade. Die windschiefe Kate von Fischer Nagel stand direkt am Strandaufgang. Er und seine Frau saßen oft davor in der Sonne und pulten Fische aus ihren Netzen. Und während ich fasziniert den gekonnten Handgriffen zuschaute, lies meine Großmutter ihren Blick über den bereits befreiten Fang in einem großen hölzernen Trog schweifen. Es sollte Flundern zum Mittag geben. Gebraten. Gern auch ein paar mehr, damit sie den Rest sauer einlegen konnte.

Weihnachten und Weihnachten

Weihnachten und Weihnachten

Mein Blick fällt auf die schönen Buntglasfenster über dem Altar in der Ahlbecker Kirche. Sechs Jahre ist es jetzt her, dass ich das erste Mal dieses Gotteshaus betrat und die Morgensonne wie heute mit ihren Strahlen die Fenstergeschichte zum Leben erweckte. Damals steckte ich voller Fragen. Eine religionslose Provinznatur auf der Suche nach Antworten, nach dem Sinn der Worte in einem zweitausend Jahre alten Buch. Ich fragte mich, was es ist, woran zwei Milliarden Menschen auf dieser Erde glauben. Was sich mir durch die Bibel nicht erschloss, sollte mir das Leben selbst erklären. Und ich entschied mich, in die Kirche zu gehen.

Von alten Männern, kleinen Mädchen und Bernstein

Von alten Männern, kleinen Mädchen und Bernstein

Manchmal laufe ich am Morgen schlaftrunken über die Düne, stelle die Schuhe unter den Zeitungsständer an Golz’ens Strandkorbverleih und blicke skeptisch übers Meer. Wolken. Schon wieder. Dieser Sommer macht es uns nicht leicht.

Der Tag nach gestern

Der Tag nach gestern

Zugegeben, Silvester am Strand zu feiern, ist ein besonderes Erlebnis. Auch für viele Insulaner. Tausende Menschen am Strand, Partymusik und sich wunderbar in der Ostsee spiegelndes Feuerwerk. Eine 50 km lange Lichtshow von Peenemünde bis Misdroy. Jeder begrüßt das neue Jahr hier auf seine Weise – mit einer Flasche Sekt oder Champagner, mit Feuerwerk und einfach nur als Zuschauer. Man liegt sich in den Armen, wünscht sich ein Frohes Neues Jahr und hofft, die guten Vorsätze diesmal einhalten zu können. Raketen fliegen, Böller und Fontänen. Je nach Wetterlage wird die Zeit am Strand mehr oder weniger lang genossen, bis es zurück nach Hause, ins Hotel oder in die Ferienwohnung geht. Mit einem Lächeln schläft man ein. Ach herrlich.

Von Leben und Tod

Von Leben und Tod

Eisig kalt bläst der Wind um die Ecke, wirbelt den mühsam zur Seite geschobenen Schnee wieder auf und verteilt ihn gleichmäßig auf dem schmalen Weg, der an der Fensterfront entlang führt. Drinnen brennt Licht. Eine junge Dame deckt die Tische. Am Eingang steht ein alter Mann auf seinen Rollator gestützt und sieht ihr dabei zu. Er sagt etwas, sie lacht und schon verschwinden sie wieder aus meinem Blick.

Auf den Brettern, die mir die Welt bedeuten

Auf den Brettern, die mir die Welt bedeuten

Heute war wieder einer dieser Morgende, an denen ich nur zu sehr spüre, welch unverschämtes Glück es ist, hier zu leben. Ich war zum Frühstück mit einem lieben Menschen auf der Seebrücke in Ahlbeck verabredet. Der Tag war noch grau und der Strand menschenleer. Statt der Möwen tummelten sich Tauben auf dem Seesteg. Sonst nichts, außer Weite. Ich ging ein paar Schritte hinaus auf den Steg und spürte den kalten Wind auf meiner Haut. Die Skyline von Swinemünde malte nur Schemen in die trübe Morgenluft. Kein Land in Sicht. Nur Stille. Und das Geräusch meiner Schritte auf den hölzernen Planken. Ich lies den Blick wandern, den Handlauf entlang, unter den rosafarbenen Füssen einer einsamen Möwe hindurch bis dort, wo zwei Bänke den Blick hinaus aufs Meer richten. Zuhause, denke ich. Und hier auf diesem Seesteg, in fast jeglicher Richtung beschränkt, fühle ich Freiheit. Auf den Brettern, die mir die Welt bedeuten.

2 Pommern im Schnee

2 Pommern im Schnee

Als ich heute morgen über die Düne ging, traf ich einen alten Pommern. Er hatte den Reissverschluss seiner Jacke weit geöffnet und auch der Pullover gab den Blick frei auf seinen nackten Hals. Sein Anblick fröstelte mich. Schnee fiel in dicken Flocken. Ich zog den Kopf noch ein Stück tiefer in den Kragen und grüßte. Er blieb stehen, nickte und drehte sich gemeinsam mit mir Richtung Meer… Schweigen, bis ich irgendwann sagte:

Von Leben und Lebendigkeit

Von Leben und Lebendigkeit

Manchmal, wenn ich am Morgen über die Düne gehe, laufe ich in eine verlassene Welt. Der Sandstreifen schlängelt sich bis an die Füsse der Seebrücke von Heringsdorf, nur unterbrochen vom Kanal, der gleich dort hinten in die Ostsee mündet, und zwei eisernen Wachtürmen, die in der Ferne den Blick hinaus auf die See richten. Die Sonne hat es noch nicht über den Horizont geschafft und wenn sie es geschafft hat, werden mir heute ihre Strahlen verborgen bleiben. Er ist grau, dieser Morgen. So grau wie das Meer, das nur in Ufernähe weiße Kämme auf die Wellen zaubert.

Perspektivwechsel

Perspektivwechsel

Und dann fragst du dich, warum. Warum du gerade hier lebst. Hier, wo die Langeweile dich manchmal erdrückt. Wo jedes Gesicht eine Geschichte hat. Wo jedes kulturelle Ereignis deinen Alltag durchbricht und du es aufsaugst. Wer weiß, wann es wieder so wird. Hier, wo du in Saisonzeiten lebst. Zwischen winterlicher Einsamkeit und lebendigen Sommertagen, an denen sich das Stimmengewirr der Urlauber mit dem Geruch von frisch geräuchertem Fisch vermischt und der Radweg die Promenade entlang zum Abenteuerparcours wird. Hier, wo Kleinbürgerlichkeit zu Machtkämpfen anspornt und Denken manchmal am Ortsausgangsschild endet. Wo Orte zu Hoheitsgebieten werden, die es zu verteidigen gilt. Wovor eigentlich?

Übergangsmomente

Übergangsmomente

Und plötzlich diese Lebendigkeit. Das Hin und Her der sonnenhungrigen Kurzurlauber. Dort, wo vor Tagen noch Menschenleere über die Düne wehte und die Villen mit dunklen Fenstern von Sommerfrische träumten. Alles vergessen. Die pommersche Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Inselzeiten. Hunderte Male gelebt. Geliebt. Gehasst. Und doch gelebt.

Wenn der Usedomer sonntags promenieren geht

Wenn der Usedomer sonntags promenieren geht

Nun ist es ja schon seit Kaisers Zeiten bekannt, dass es sich auf Usedoms Promenaden vortrefflich flanieren lässt. Getreu dem Motto „Sehen und gesehen werden“ begeben sich am Sonntagnachmittag auch Einheimische in Wassernähe, um das gerade verspeiste und oftmals üppige Mittagsmahl bei einem entspannten Spaziergang zu verdauen, einen Blick über die Düne zu werfen und ein wenig frischen Ostseewind einzuatmen. Herrlich!

In seinen starken Armen

In seinen starken Armen

Die Welt verschiebt sich im Blick dieser Nacht. Gerade noch war alles voller Leichtigkeit. Voll wohlgewählter Worte und Bewegungen im Takt der Musik. Schwungvoll beseelt sucht der Körper jetzt nach Ruhe. Nach Hause. Es wird Zeit. Noch ein kurzes Gespräch. Eine gute Nacht. Und der Weg zum Auto…

Das ist der Weg

Das ist der Weg

Es ist still heute. Nicht einmal das Meer rauscht. Der Weg entlang der schönen Bädervillen legt sich menschenleer in meinen Morgen. Ich mag die Stille und den Duft dieser Tage zwischen der grünen Erinnerung der Sommers und der Schwere rostbraunen Herbstlaubes. Der Möwenweg raschelt unter meinen Füssen und die ersten Sonnenstrahlen glitzern im Bunt der stattlichen Buchen. Auf der Promenade kreuzt ein einsamer Radler meinen Weg, lächelt mir einen Gruß entgegen und folgt unbeirrt seinem Ziel bis er in der Ferne verschwindet. Und ich setze meine Schritte auf den Weg über die Düne.

Pommerscher Morgen oder von Menschen im Gegenwind

Pommerscher Morgen oder von Menschen im Gegenwind

Der Herbst hält Einzug auf der schönen Ostseeinsel. Und ein bisschen bin ich froh darüber. Kann ich doch jetzt endlich ohne schlechtem Gewissen einfach mal auf der Couch liegen und meine Nase in ein gutes Buch stecken. Nach den letzten beiden Sommern, wenn man diese als solche zu bezeichnen wagt, hatte ich in den letzten Monaten immer das unterschwellige Gefühl, den Tag ausgiebig im Freien geniessen zu müssen. Weil sicher und unverhofft in jedem Moment der anfangs noch so wohltuende und am Ende immer viel zu lang anhaltende Regen einsetzen könnte. Und dann war’s das mit Sommer.

Kondensierte Vergangenheit

Kondensierte Vergangenheit

Der Boden knarrt leise unter deinen Füssen. Ohne Absicht, einzig deinen Worten Bewegung zu verleihen, setzt du einen Fuß vor den anderen. Und dann wird es still.

Es war in einer warmen Augustnacht...

Es war in einer warmen Augustnacht...

…als ich langsam über die Düne lief. Dem Sternenmeer entgegen und den Lichtern am Horizont, die tief schlafend im Nichts zu schweben schienen. Kein Lüftchen regte sich, nur das stetige Rauschen der Wellen gab dieser Nacht eine Himmelsrichtung. Ich legte mich in den Sand und fühlte den vergangenen Sommertag warm durch meine Hände rieseln. Es war als passte nichts ineinander, weil die Dunkelheit keine Kühle schenkte und das Rauschen des Meeres keinen Wind. Und genau darin lag wohl der Zauber dieser Nacht und in dem endlosen Sternenmeer über mir. Das kleine Päckchen in meiner Hand legte ich nah an mein Herz.

Das Warum der Gefühle

Das Warum der Gefühle

Wie fühlt sich das eigentlich an? Dieses Loslassen, das alle Welt als Weg zum Seelenfrieden präsentiert und das doch kaum jemand wirklich beherrscht. Weil wir Menschen sind und doch festhalten wollten, was uns vertraut geworden ist. Ich glaube, dass Loslassen eher Annehmen ist. Das Annehmen der Welt um uns herum und noch vielmehr der Gefühle in uns. Thomas Mann sagte einst ‚Du sollst ein Mensch sein, sollst Dich dem Leben nicht entziehen, sondern es mitmachen, in allem was es mit sich bringt.‘ Das Leben will gelebt werden, genau wie unsere Gefühle. Sie bedürfen keiner Begründung. Sie wollen gefühlt werden, weil sie sind. Sie gehen mit dem Leben Hand in Hand, zeigen schonungslos auf unsere Schwächen und nähren unsere Leidenschaft.

Eine Frau, das Meer und kein Hund

Eine Frau, das Meer und kein Hund

Als ich erwachte, lachte mir das Gelb den Sonnentag ins Gesicht. Strandzeit. Endlich. Und mit jedem Schritt in Richtung blaue Weite entdecke ich Unsichtbares und am Himmel Wolkenbuchstaben, die sagen: Das erste Mal ohne Schwanzwendeln.

Was ist Glück?

Was ist Glück?

Ich glaube, das Glück liegt im Moment. Allein in dem Augenblick ohne gestern und morgen, in dem das Erleben vollkommen scheint. Wenn Sehnsucht und Erfüllung einander die Hand reichen, jedes Denken sinnlos ist und wir tief in uns erkennen: Das ist Glück!

Weihnachten im Wandel

Weihnachten im Wandel

Dieses Jahr ist alles anders. Keine 3 Meter von mir entfernt funkelt mich ein Weihnachtsbaum an. Zufrieden funkle ich zurück: ich habe einen Weihnachtsbaum! Nicht, dass ich nicht früher schon einmal einen besessen hätte, doch hier in diesen Wänden ist er der erste. Und er ist wunderschön! Mit ihm ist der Zauber der Weihnacht in mein Heim gezogen, schon vor einer Woche. Und nicht nur das. Er hat es tatsächlich geschafft, mich alten Weihnachtsmuffel milde zu stimmen. Empfängt mich allabendlich mit seinem wunderbaren Duft und diesem warmen Leuchten. Wie passend dazu stöbert der Schnee heute vor meinem Fenster durch die kalte Nacht und auf dem Balkon der schönen Villa nebenan schmückt Jana ihren Weihnachtsbaum.